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Landwirt Otti und Co

Mit den Landwirten ist das ja so eine Sache.

Man kennt sie aus der Presse oder in echt jammernd, klagend über Schweinepreise, die Milch und was es sonst noch alles Bedauernswertes gibt.
Umgekehrt klagen die Presse und viele andere Menschen über die Landwirte: Massentierhalter, Bodenverseucher usw. Ein ungutes Verhältnis hat sich entwickelt. Eines was fast schon keines mehr ist. Man spricht nicht miteinander, sondern übereinander. Absurde Fronten haben sich gebildet (Wir haben es satt vs. Wir machen euch satt). Und warum?

Ja, warum eigentlich? Wie konnte das nur passieren?

Die Bauern haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht um ihr Image gekümmert und sich auf ihrem guten Ruf aus alten Zeiten ausgeruht.

Öffentlichkeitsarbeit zählte nicht zu ihren Aufgaben. Sie haben ja schließlich genug zu tun: wachsen oder weichen und so. Man denke an den Vergrößerungszwang um weitermachen zu können, die immer größeren Verwaltungsaufgaben, die ganze Technik, die beherrscht werde will. Was sollen sie denn noch alles machen?
Nun ist aber leider über die Zeit der Kontakt zu den Verbrauchern völlig flöten gegangen. Und das ist verheerend. Denn der Verbraucher hat sich auch entwickelt – in merkwürdiger Weise. Während es in der Landwirtschaft immer weniger, dafür immer größere, hoch technisierte moderne Höfe gibt, hält Otto Normalverbraucher mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit am alten Bilderbuch-Bauernhof fest. Kleiner Familienbetrieb im Vollerwerb mit vielen verschiedenen Tieren, alle immer draußen, gut verdienend, total entspannt – Idylle pur. So muss es ja sein, schließlich sind die Kinderbücher voll davon, jede Wurstpackung zeigt es und die Milchtüte beweist es auch.
Nicht, dass ich hier falsch verstanden werde, aber ich halte das WIRKLICH für eine beachtliche Leistung. Das muss man erst mal schaffen: so viel ausblenden, sich so weit von der Realität entfernen – faszinierend.
Naja, aber den Bauern war‘s recht. Kann ja nicht schaden, so ein hübsches Bildchen. Und das war der Fehler: Das hat so richtig reingehauen. Jetzt prallen Welten aufeinander.

Der normale Nicht-Bauer hat keine Ahnung, kann die Größenordnungen nicht einschätzen, versteht nix mehr.

Ist er natürlich auch selber schuld. Was interessiert er sich auch so wenig für Lebensmittel. Die sind doch wichtig – zum Leben eben – da kann man doch mal informiert sein. Aber Fehlanzeige: Wo das ganze Zeug her kommt, weiß keiner mehr, die Frikadelle hat schon lange nichts mehr mit dem Schwein zu tun und wo um Himmelswillen wird denn nun die H-Milch abgezapft?
So, und wie sollen diese beiden Gruppen nun zusammen kommen? Ein Riesenprojekt! Die Einen, die haben keine Ahnung von der Materie, haben dafür aber ziemlich viele Wünsche (vor allem, was den Preis angeht) und die Anderen haben keinen Plan, wie sie ihr Wissen und ihr Tun vermitteln sollen (und viele sehen es noch nicht mal als ihre Aufgabe).
ABER (Achtung, jetzt kommen endlich Landwirt Otti und Co ins Spiel). Es gibt Sie, die, die es angehen das Riesenprojekt.

Einige Landwirte haben die Dringlichkeit von Öffentlichkeitsarbeit für sich erkannt.

Sie suchen den Kontakt zum Verbraucher. Sie haben verstanden, dass sie etwas an ihrem Image tun müssen. Sie müssen ihre Geschichten selber erzählen (und es gibt so viele schöne Geschichten in der Landwirtschaft 🙂 ), wenn sie es nicht tun, dann übernehmen das Andere und dann wird es nicht schön. Sie zeigen ihre Höfe, öffnen die Ställe und werden nicht müde z.B. zu erklären, dass die Kühe erst Kälber bekommen müssen, sonst ist mit Milch nicht viel los.
Ich ziehe den Hut vor diesen Bauern, denn das ist mitunter echt anstrengend, kostet Zeit und gibt (zumindest direkt) kein Geld. Im Zweifel kostet es: Stall-Schaufenster bauen, Besucherraum einrichten, Info Flyer drucken etc.
Aber sie machen es und sie machen es gut. Sie erzählen ihre Geschichten. Diese sind nicht nur schön und witzig und unterhaltsam, sondern auch wichtig, um gigantische Wissenslücken zu stopfen, um die Fremdheit etwas abzubauen. Nur so kann man wieder Näher zusammen kommen.
Die Ideen der Landwirte sind so unterschiedlich, wie die Landwirte selbst, aber alle leisten ihren Dienst auf diesem (noch langen) Weg.

Hier einige Beispiele:

  • Landwirt Otti twittert über seine Arbeit. So stieß er mit Foodwatch zusammen und lud sie kurzerhand zu sich auf den Hof ein.
  • Der Almthof hat die Öffentlichkeitsarbeit gleich zu einem zweiten Standbein erklärt und melkt seitdem immer unter Beisein zahlreicher Besucher.
  • Nachdem Arnd von Hugo vor dem Bau seiner Hähnchenmastanlage so viel Gegenwind erfahren musste, baute er direkt ein Stall-Schaufenster ein. Jetzt erklärt er ein Mal in der Woche Gruppen, was es mit der Hähnchenmast so auf sich hat.
  • Mittlerweile haben viele Landwirte Facebook für sich entdeckt. Nicht nur die einzelnen Höfe sind dort zu finden, sondern auch informative Seiten bei denen sich viele Bauern zusammengeschlossen haben und Rede und Antwort stehen, z.B. Bauernwiki – frag doch mal den Landwirt
  • Unter My KuhTube drehen Milchbauern kleine Filme über ihre Arbeit.
  • Es gibt auch tolle kleine Ideen vor Ort. So hat z.B. ein Bauer verschiedene WhatsApp Gruppen für seine Felder. Bevor er Gülle ausfährt, informiert er die jeweiligen Anwohner. Das hilft, wenn man nicht mehr der blöde Typ sein will, der macht dass es im Haus stinkt. Fenster können vorher geschlossen werden und vielleicht erklärt er bei der Gelegenheit gleich mit, warum das Ganze nötig ist und gar nicht so schlimm.

Ich weiß, es gibt auch die Anderen. Die, die im Jammern verharren, den Verbraucher nicht verstehen und sich selbst unverstanden fühlen (und wahrscheinlich auch noch mit dem Trecker zu schnell durchs Dorf fahren). Aber es gibt eben auch Landwirt Otti und Co  🙂

 

Titelbild: Thomas Ostendorf